Da es nicht das Hauptthema dieses Kurses ist, will ich hier zum Thema Bildgestaltung lediglich einige interessante Fakten und Faustregeln zusammenstellen - wie der Name ja schon sagt sind Faustregeln keine fixen Kochrezepte, sondern Prinzipien, deren Beachtung (oder eben bewusste Verletzung) sich häufig lohnt. Vielleicht motiviert es sie darüber nachzudenken, was es ist, das manche Bilder so wirkungsvoll macht.
An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass ich zur Illustration im Internet frei zugängliche Bilder verwende, ohne die jeweiligen Autoren explizit um Erlaubnis gefragt zu haben - falls jemand daran Anstoss nimmt, bitte ich um Benachrichtigung.

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Schon das Verhältnis zwischen Höhe und Breite eines Bildes hat einen entscheidenden Effekt auf dessen Wirkung, genauso wie das Verhältnis zum umgebenden Rahmen, z.B. einem Passpartout oder dem Bildschirm. Oft wird das als angenehm empfundene Verhältnis von 1:1.68 (der goldene Schnitt) gewählt. Andere übliche Formate sind beispielsweise 3:4 (traditionelles Fernseherbild), 1:1.41 (DIN Formate) oder 16:9 (Breitbildfernseher, Kino).
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Interessant ist ausserdem, dass gleich lange senkrechte oder waagrechte Linien unterschiedlich wahrgenommen werden. Um einen quadratischen Eindruck zu erwecken, muss die Breite etwas grösser sein als die Höhe.


Bildkomposition

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Bei der Bildkomposition geht es darum, wie die Motive innerhalb des gegebenen Platzes in Szene gesetzt werden - die meisten Faustregeln lassen sich gleichermassen auf bewegte Bilder anwenden (das sogenannte "Mis en Scene" beim Film. Im Unterschied zum Film kann die Komposition von statischen Bildern aber auch in der Nachbearbeitung noch einfach angepasst werden.
Auch in der Komposition eines Bildes spielt der goldene Schnitt häufig eine Rolle, bzw. die zugehörigen goldenen Dreiecke.
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Die Idee ist, das Bild in Höhe und Breite im Verhältnis des goldenen Schnittes zu unterteilen und wichtige Motive oder Teile eines Motivs auf die sich ergebenden "Fokalpunkte" zu platzieren (s. rechts). Gut funktioniert das vor allem dann, wenn auch das Papieformat dem goldenen Schnitt entspricht.
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Eine Vereinfachung dieses Prinzips ist die sogenannte "Rule of Thirds", bei der das Bild in Höhe und Breite gedrittelt wird. Wieder geht es darum, mit dieser Einteilung zu arbeiten - also beispielsweise das Hauptmotiv entlang dieser Achsen oder in einem der entstehenden Felder zu platzieren.
compo_ruleofthirds.jpg
thirds.png

Bei der Platzierung eines (belebten) Motivs wird ausserdem auf den sogenannten "headroom" geachtet (s. auch die portraitwithheadroom.jpgobigen Beispiele) Dabei geht es eigentlich um zwei Dinge:
1. Ein (Haupt-)Motiv benörigt etwas Freiraum um sich herum, um optimal zu wirken (aber auch nicht zu viel). Ganz besonders deutlich wird das, wenn es um Körper oder Köpfe geht: ein zu eng geschnittenes Portrait beispielsweise wirkt meistens wie ein schlechtes Passfoto. Andererseits spricht nichts dagegen, z.B. einen Teil der Haare weg zu schneiden - damit wird einfach das Gesicht zum Motiv, anstatt des ganzen Kopfes.
2. Der Freiraum sollte normalerweise in Blickrichtung des Motivs am grössten sein (der "noseroom")- das suggeriert, dass es dort auch etwas zu sehen gibt und verstärkt das Interesse des Betrachters. Für Ganzkörperaufnahmen gilt Ähnliches: Platz lassen nach vorne (in Blick- oder Bewegungsrichtung).
headroom2.jpg


Eine weitere allgemeine Faustregel zur Bildkomposition besagt, dass eine Betonung von Diagonalen eine gewisse Spannung erzeugt, wohingegen gerade, symmetrische Aufteilungen statisch wirken.
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Auch bei der Symmetrie entspricht allerdings der Eindruck nicht immer der Wirklichkeit:
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Unschärfe

Auch Unschärfe ist ein häufig eingesetztes Mittel der Bildgestaltung, durch geschickte Kontrastierung von scharfen und weniger scharfen Bildbereichen lässt sich beispielsweise ein Eindruck von Tiefe erzeugen. Diese sogenannte Tiefenschärfe (depth-of-field) ist eine Technik in der Photografie (besonder effektiv in Verbindung mit betonten Diagonalen), die Unschärfe kann aber auch in der Nachbearbeitung hinzugefügt oder verstärkt werden.
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Auch ein Eindruck von Geschwindigkeit lässt sich mit verschwommenen Hintergründen erzeugen oder verstärken.
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Vignette

Unter einer Vignette versteht man eine graduelle Abdunklung zum Bildrand hin (manchmal auch Aufhellung, oder zunehmende Unschärfe). Vignetten können im Bild selbst angelegt sein, z.B. weil minderwertige Objektive in der Regel am Bildrand weniger hell und scharf sind als in der Mitte. Auch das Ausbleichen alter Polaroid-Fotos geschieht normalerweise vom Rand her und ergibt damit einen (De-)Vigniette-Effekt. Natürlich lassen sich Vignetten auch in der Nachbearbeitung hinzufügen, z.B. um einen polaroidähnlichen Retro-Effekt zu erziehlen. Meist werden Vignetten aber aus einem ganz einfachen Grund benutzt: sie lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters weg vom Bildrand und hin zum Hauptmotiv, das jetzt aufgrund des Kontrasts zum Rand heller und farbiger erscheint.
vignette_photohsop_large.jpgblurvignette.jpg

Bildgestaltung nachvollziehen

Schauen sie sich doch auf einer der viele formidablen Bildergalerien im Internet um (einige Links im Anschluss) und betrachten sie die Bilder einmal nur unter dem Gesichtspunkt der Bildgestaltung:
  • Welche der obigen Faustregeln finden sie wieder, welche wurden (vielleicht bewusst) verletzt?
  • Wie fördert oder behindert die Komposition die Wirkung oder Aussage des Bildes?
  • Könnte man in der Nachbearbeitung noch etwas verbessern?

Einige Bildergalerien:

Weitere Ressourcen zu Bildgestaltung